Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat

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Erfahrungsbericht eines THW-Mitgliedes

Vergangenen Sonntag hatte ich mir fest vorgenommen den Tag zu Hause bei meiner Familie zu verbringen. Die Woche war wie immer turbulent, wir hatten wenig Zeit für einander. Beim Frühstück beschlossen wir einen gemeinsamen Besuch auf dem Weihnachtsmarkt. Wir erreichten den ersten Marktstand, als aus meiner Handtasche ein Piepsen drang. Die Stimme des Leitstellen Disponenten alarmierte das THW zum Einsatz: "Personensuche auf dem Wasser". Eile ist geboten! Ein kurzes Nicken von Seiten meines Mannes und den Kindern will sagen: "Geh los Mama, wir wissen das ist wichtig."

Der Ortsverband liegt in Laufweite, ich lege einen Sprint ein und spüre eine innere Anspannung. Die Gedanken gehen Richtung Einsatzgeschehen. In der THW Unterkunft angekommen sind die Kameradinnen und Kameraden dabei die Boote anzuhängen. Schnell umziehen und los auf das THW - Fahrzeug. Während der kurzen Fahrt zur Einsatzstelle stimmen wir uns ab, wer welche Aufgabe übernimmt. Der Einsatz läuft routiniert, die Handgriffe sitzen, wir kennen uns und können uns voll und ganz auf einander verlassen. 100 weitere ehrenamtliche Kräfte sind mit mir an diesem Sonntag an der Suche beteiligt. Jeder einzelne von ihnen hatte sicher seinen Tag anders geplant und bringt sich jetzt mit seiner ganzen Person ein.

Leider können wir dieses Mal nichts mehr für den Verunglückten tun. Nach vierstündiger Suche bergen Rettungstaucher des BRK den leblosen Körper aus dem kalten Wasser. Während bisher ein funktionaler Ablauf dominierte, gilt es jetzt für uns als Einsatzkräfte mit unseren Emotionen zu haushalten. Unsere Gedanken rücken zwangsläufig die Frage in den Vordergrund, welche Auswirkungen diese tragische Begebenheit für das soziale Umfeld des Geborgenen hat. Der Einsatz als solcher ist beendet, wir fahren in die Unterkunft. Nach einem abschließenden Gespräch verabschieden wir uns voneinander. Ich kehre nach Hause zurück. Bei einer Familienfeier sitzen alle fröhlich beisammen. Die Stimmung steht im krassen Gegensatz zu dem was ich in den letzten Stunden erlebt habe. Physisch tauche ich in meinen Alltag, emotional und gedanklich begleitet mich das Geschehen die nächsten Tage.

Tagtäglich stellt es mich vor eine große Herausforderung die richtige Balance zwischen Familie, Beruf und Ehrenamt zu finden. Dennoch möchte ich meine Erfahrungen durch diese ehrenamtliche Arbeit auf keinen Fall missen. Ich ziehe meine Motivation aus dem tiefen Gefühl in Notsituationen etwas bewegen zu können und nicht zuletzt auch aus der Anerkennung für unser Tun. Nicht tatenlos zu zusehen, sondern in Grenzsituationen anpacken zu können gibt neue Energie. Das Ehrenamt bietet mir die Möglichkeit außergewöhnliche Situationen zu meistern und mich immer wieder anderen Herausforderungen zu stellen. Die gesammelte Erfahrung kommt mir in allen Lebensbereichen zu Gute.

Der Bericht stammt von Katrin Brendolise (41 Jahre), verheiratet, berufstätige Mama von zwei Kindern. Beim THW aktiv seit über 20 Jahren.