Bundesministerium des Inneren

Bundesinnenminister Dr. Thomas de Maizière (3. v. r.) mit dem Friedensnobelpreisträger Frederik de Klerk (3. v. l.) und weiteren Gästen Quelle: Stiftung Frauenkirche Dresden
Rede · 03.04.2017

"Was müssen wir heute tun, damit die Welt in zwanzig Jahren friedvoller ist?"

Grußwort von Bundesinnenminister de Maizière anlässlich der Rede des Friedennobelpreisträgers Frederik Willem de Klerk in der Dresdner Frauenkirche

  • Redner

    Dr. Thomas de Maizière, Bundesminister des Innern

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrter Frederik de Klerk,
lieber Landesbischof Dr. Rentzing,
sehr geehrter Ministerpräsident,
sehr geehrter Herr Oberbürgermeister.

Liebe Gäste,

was haben Sie gedacht, als Sie heute Abend die Frauenkirche betreten haben?

Sicher waren Sie gespannt auf Frederik de Klerk - den vormaligen Präsidenten eines so geschichtsträchtigen Landes wie Südafrika - kennenzulernen, das ist nicht alltäglich.

Das ist wunderbar. Deswegen begrüße ich Sie sehr herzlich im Namen der Bundesregierung, auch im Namen der Bundeskanzlerin, des Außenministers. Ich freue mich sehr, dass Sie heute nach Dresden gekommen sind.

Wahrscheinlich bringen Sie, liebe Gäste, aber auch Fragen und wohl auch Erwartungen mit, denn die heutige Leitfrage
„Was müssen wir heute konkret tun, damit die Welt in zwanzig Jahren friedvoller ist?“
treibt viele Menschen um.

Die Dresdner Frauenkirche ist in vielfacher Weise eine Besonderheit. Sie beherbergt eine bemerkenswerte Kuppel mit acht Glocken, die der Kirche ihre unverwechselbare Stimme geben.

Eine der Glocken - die Stadtglocke Jeremia - trägt eine biblische Inschrift. Sie lautet:

"Suchet der Stadt Bestes".

Es ist ein über 2.600 Jahre altes Zitat aus dem Brief des Jerusalemer Propheten Jeremia.

"Suchet der Stadt Bestes" - das ist Auftrag und Mahnung zugleich:

  • Wer das Beste für die Stadt sucht, der ist bereit, Verantwortung zu übernehmen.
  • Wer das Beste für seine Stadt sucht, der ist zukunftsgewandt.
  • Und wer der Stadt Bestes sucht, hat das Gemeinwesen im Blick.

Drei Maximen, die auch Sie, sehr geehrter Herr de Klerk, in Ihrem politischen Wirken angetrieben haben.

Die Frauenkirche ist auch ein geschichtliches Mahnmal - vor allem für die deutsch-deutsche Geschichte.

Herr Ministerpräsident hat es bereits gesagt: Helmut Kohl, der übrigens heute Geburtstag hat, hielt im Dezember 1989 vor den Ruinen der zerstörten Frauenkirche seine Schlüsselrede auf dem Weg zur deutschen Einheit.

13 Flugstunden entfernt und nur wenige Wochen später - am 2. Februar 1990 - hielten Sie, Herr de Klerk, Ihre berühmte Rede zur Abschaffung der Apartheid.

Sie heißt bis heute in Südafrika nur „The Speech“. Wenig später entließen Sie Nelson Mandela aus über 27-jähriger Haft.

Manchmal zeigt sich Geschichte an ganz unterschiedlichen Orten, auch in unterschiedlichem Gewand, aber doch mit einem ähnlichen Kern.

An zwei Orten fiel eine Mauer - in Deutschland buchstäblich, in Südafrika metaphorisch.

Dass beide geschichtliche Zäsuren nicht zufällig zusammen fielen, haben Sie, sehr geehrter Herr de Klerk, immer wieder beschrieben.

Der Zeitpunkt für das Einreißen der „Mauer“ in den Köpfen Südafrikas war auch deshalb möglich, weil mit dem Fall der Berliner Mauer und dem Ende des kalten Krieges die Befürchtung eines kommunistischen Südafrika nach dem Ende der Apartheid gebannt war.

In beiden Ländern ist es dem mutigen und standhaften Protest der Bevölkerung - den schwarzen Südafrikanern und den Demonstranten in der DDR - zu verdanken, dass die Mauern in den Köpfen und aus Beton schließlich fielen.

Daneben aber waren es herausragende Persönlichkeiten wie Sie, Herr de Klerk, wie Nelson Mandela, wie Michail Gorbatschow, wie Helmut Kohl und andere, die die Zeichen der Zeit erkannten, den richtigen Augenblick ergriffen und handelten.

Das war nicht ohne Risiko.

Hier wie dort brauchte es Mut und Entschlossenheit, festgefahrene Muster und Strukturen aufzubrechen.

Damit verbunden war - vor allem für Sie, Herr de Klerk - auch die Bürde einsamer Entscheidungen, durchaus auch gegen Widerstände aus den eigenen Reihen, als Sie Ihr Land gemeinsam mit Nelson Mandela aus der Apartheid führten.

So ähnlich die beiden für unsere Länder zentralen Ereignisse auch waren - einen zentralen Unterschied gibt es doch:

Der Weg aus der Apartheid war kein leichter, er war mitunter blutig und steinig. Wir können von Glück reden, dass sich die Wende in der DDR so friedlich vollzog. Ich bin auch heute noch sehr dankbar über diesen friedlichen Herbst. In einer Kirche kann man getrost sagen: „Gott sei Dank“.

Unsere beiden „Mauerfall-Geschichten“ teilen noch eine Gemeinsamkeit: Nach dem großen Jubel, der Euphorie, den vielen Tränen der Freude, nach der Befreiung war die Kärrnerarbeit beileibe nicht getan.

Dort, wo Mauern aus Stein oder Gesetzen eingerissen wurden, entstanden nicht selten neue Mauern, solche aus Überheblichkeit, aus Vorurteilen, aus dem Gegensatz von Arm und Reich.

Solche Mauern abzubauen kann weitaus länger andauern und mitunter auch schwerer sein.

Das haben wir Deutsche in der Zeit nach der Wende erfahren müssen. Sie, Herr de Klerk, im südafrikanischen Post-Apartheid-Staat erlebten es noch viel stärker und auch schmerzhafter.

Nun, wie schafft man es, solche Hürden zu meistern? Ich denke, es helfen dabei drei Dinge.

  1. Erstens: Auf junge Menschen setzen

    Es waren Schüler, die in Soweto in Johannesburg in den 1970er Jahren gegen die zwangsweise Einführung von Afrikaans im Unterricht demonstrierten und so ein neues Selbstbewusstsein gegenüber den Machthabern formulierten.

    2011 waren es junge Ägypterinnen und Ägyptern, die die Proteste auf dem Tahir-Platz entfacht und am Laufen gehalten haben und so den arabischen Frühling einleiteten, wie immer man das bewertet, was nun daraus geworden ist.

    Und es sind abermals Schüler und Studenten, die jetzt in Russland auf die Straße gehen und für eine bessere Zukunft kämpfen.

    Es heißt: "Revolutionen machen nie die Alten."

    Nun, ich bin auch keine 20 mehr. Und sicher braucht es auch nicht fortwährend Revolutionen. Wohl aber schon Evolutionen im besten Sinne - im Sinne notwendiger Veränderungsprozesse.

    Gesellschaftliche Evolution braucht die Jungen. Sie braucht ihre Ideale und auch so manche jugendliche Träumerei, um Energien für Reformen freizusetzen.

    Aber die Jungen sollten eben auch den Klang der Glocke hören „Suchet der Stadt Bestes“ und nicht: „Wie gestalte ich meine Karriere am besten?“


  2. Mein zweiter Punkt: die Bereitschaft, sich an einem Reformprozess zu beteiligen…

    …sich einzubringen auch unter dem Wagnis des Ungewissen.

    Dazu gehört Mut. Ein Stückweit auch die Zurückstellung eigener Interessen und die Preisgabe gehegter Besitzstände.

    Es gehört der Wille dazu, aufeinander zuzugehen. Das war in Südafrika anders als hier in Deutschland, aber vielleicht doch ein bisschen vergleichbar.

    Um die Gesellschaft mitzugestalten, die Welt ein Stück mit zu formen und Motor für Veränderungen zu sein, braucht es schließlich auch die Bereitschaft, sich uneigennützig für eine Sache einzusetzen - auch von der Unsicherheit geprägt, ob man die Früchte des Engagements noch selbst erlebt.

    Neben all den vielen Dingen, die mich so sehr am Friedensprozess in Südafrika faszinieren, möchte ich schließlich einen Aspekt besonders hervorheben.

  3. Der führt mich zum dritten Punkt: Die große Kraft der Verzeihung und Versöhnung.

    Es ist für mich ein tief beeindruckender Vorgang, dass nach den ersten freien Wahlen in Südafrika Nelson Mandela Präsident und Sie einer der beiden Vizepräsidenten wurden!

    Keinem von Ihnen ging es ums Gewinnen, um Rache oder um das Begleichen alter Rechnungen.

    Ich gestehe, dass mir dies angesichts der großen Leiden der schwarzen Südafrikaner und der großen Befürchtungen der weißen Südafrikaner zu Zeiten der Apartheid nahezu übermenschlich vorkommt.

    An die Stelle der Gewalt setzten Sie und Mandela die Verhandlung. Sie beschreiben es: als "Hauptlektion", "dass sogar die schlimmsten und verfahrensten Konflikte durch Verhandlungen gelöst werden können – wenn der Wille auf allen Seiten da ist".

    Und selbst, wenn der politische Wille zur Verhandlung noch fehle, so haben Sie hinzugefügt, solle sich die Strategie: "darauf richten, eben diesen Willen zu schaffen, Kanäle für die Kommunikation zu finden."

    Das sind Lektionen, die aktueller sind denn je und weltumspannend gelten.

    Das haben Sie und Nelson Mandela und so viele andere Südafrikaner vorgelebt. Und das gilt heute nicht nur in Südafrika, sondern überall dort, wo es Herausforderungen zu meistern gilt.

    Die Welt verändert sich und das rasant: mit Krieg, Gewalt, Armut: Mehr als 65 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht, mit transnationalem Terrorismus - der Landesbischof hat an das erinnert, was heute in Sankt Petersburg geschehen ist - und Autokraten, die die politische Bühne scheinbar ohne Maß und Mitte bespielen.

    Vieles ist noch unerledigt, manches brodelt leise, anderes duldet keinen Aufschub.

    Allen Herausforderungen aber immanent ist der universelle Antreiber, den jeden in Politik und Zivilgesellschaft gleichermaßen bewegen muss: Das ständige Ringen um gute Perspektiven in Freiheit für das Gemeinwohl - für das Ganze.

Und da Sie nun zum Schluss eine Antwort erwarten auf die Frage, was wir heute konkret tun müssen, damit die Welt in zwanzig Jahren friedvoller ist, so wende ich mich nicht nur, aber besonders an die jungen Menschen und sage:

  • Nutzt die Chancen!
  • Scheut keine Visionen!
  • Sät Hoffnung!
  • Tretet mit Euren Kritikern in den versöhnlichen Dialog!
  • Bewahrt den Willen, immer wieder zu verhandeln und
  • "Suchet der Stadt Bestes"!

Vielen Dank.