Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat

v. l. n. r.: Aenne Kürschner, Michael Stenger, Sayima Kutluer, Prof. Dr. Christine Langenfeld, Bundesinnenminister Dr. Thomas de Maizière, Prof. Dr. Gert Pickel, Lamya Kaddor und Prof. Dr. Klaus Boehnke
Meldung · Migration · 10.05.2016

Auftaktveranstaltung zur neue Werkstattreihe Zusammenhalt und Integration

Bundesinnenminister gibt Startschuss für Gesprächsreihe zum Thema "Gesellschaftlicher Zusammenhalt und Integration - gemeinsam für ein starkes Deutschland"

Was sind unsere gemeinsamen Werte in Deutschland? Haben wir einen allgemein akzeptierten Wertekonsens? Ändern sich unsere Werte durch Zuwanderung, Flüchtlinge, den demografischen Wandel - und müssen wir vor dieser Veränderung Angst haben?

Zu diesen und weiteren Fragen kam Dr. Thomas de Maizière bei der ersten Veranstaltung zum Thema "Verbunden durch gemeinsame Werte: Identität und Identifikation im Wandel" mit Prof. Dr. Klaus Boehnke (Jacobs University), Lamya Kaddor (Autorin und Islamlehrerin), Aenne Kürschner (Landessportbund Thüringen), Sayima Kutluer (Aufbruch Neukölln e.V.), Prof. Dr. Christine Langenfeld (Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration), Prof. Dr. Gert Pickel (Universität Leipzig) sowie Michael Stenger (Schlau Schule / Trägerkreis junge Flüchtlinge e.V.) ins Gespräch.

Einleitend machte der Minister deutlich, dass es Konsens sei, "dass zur Integration gehört, dass man Werte und die Gesellschaftsordnung akzeptiert", [um dann aber die Frage aufzuwerfen:] "Welche Werte sind es denn eigentlich?"

Prof. Dr. Christine Langenfeld sieht als einen der zentralen Werte, die wir in Deutschland haben, die liberale Rechts- und Verfassungsordnung: "Die Pluralität der Lebensformen, die Liberalität der Rechts- und Verfassungsordnung ist ein ganz entscheidendes Merkmal, und in der Flüchtlingsdebatte auch die Humanität der Rechtsordnung. Also die Fähigkeit, die Aufnahme von Flüchtlingen in großer Zahl als eine humanitäre Tat anzuerkennen. Und das ist in Europa nun bei Leibe kein Konsens."

Der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) hat im Mai 2016 sein Jahresgutachten mit dem Titel "Viele Götter, ein Staat: Religiöse Vielfalt und Teilhabe im Einwanderungsland" veröffentlicht.

Religionssoziologe Prof. Dr. Gert Pickel führte aus, dass "wir uns in Deutschland auch jenseits der aktuellen Integrationsdebatte pluraler gestaltet haben. Allerdings gibt es eine Grundbasis: Das muss die Anerkennung des Demokratischen sein - das ist die Anerkennung von Pluralität, von Toleranz, von Freiheit und Gerechtigkeit. Und das müsste man von allen einfordern, von allen Gruppen."

Prof. Dr. Klaus Boehnke, Autor der Bertelsmann-Studie "Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt", sagte zu Identität und Identifikation, dass die Orientierung an einer deutschen Identität nichts Statisches sei. "Sie hat sich gewandelt: Deutschsein ist mit dem Holocaust, mit einer großen Entwicklung in Richtung Toleranz und mit politischer Befreiung verknüpft. Es ist nicht so, dass wir etwas fest umreißen können, sondern wir basteln ständig an dieser deutschen Identität - und diese wandelt sich ständig. Deswegen müssen wir die Beiträge derjenigen, die zu uns gekommen sind, am Wandel dieses deutschen Leitbildes anerkennen. Es ist nicht etwas, in das man sich einzufügen hat, sondern an dem man mitwirken muss."

Michael Stenger plädierte aus der Perspektive des Praktikers ebenfalls für die positiven Effekte von Teilhabe: "Sehr frühzeitig haben wir mit unseren Schülern, jungen Geflüchteten, über die Schulregeln gesprochen: dies sind zum Beispiel Gewaltfreiheit, Pünktlichkeit, Augenhöhe von Mann und Frau - die Klassiker. Das Interessante daran ist, dass diese jungen Menschen in dem Moment, im dem wir sie diese Schulregeln auch unterzeichnen ließen, quasi unsere Vertragspartner wurden. Dadurch hatten sie von Anfang an eine Anerkennungsstufe erreicht. Wir haben ihnen vermittelt: ‚Du hast hier etwas mitgestaltet und jetzt bitten wir dich, dich daran zu halten.' Das hat immer funktioniert."

Mehr zum Trägerkreis Junge Flüchtlinge e.V. / SchlaU-Schule erfahren Sie hier.

Islamlehrerin Lamya Kaddor antwortete auf die Frage, was uns in Deutschland verbinde: "Vielmehr als wir denken. Das ist uns nur nicht bewusst und da müssen wir stärker hin - das Bewusstwerden dessen, was uns verbindet."

Am Abend nach der Veranstaltung wurde sie mit dem Preis "Das politische Buch" der Friedrich-Ebert-Stiftung für ihr Buch "Zum Töten Bereit. Warum deutsche Jugendliche in den Dschihad ziehen" ausgezeichnet.

Sayima Kutluer fügte aus Sicht ihres Projekts in Berlin-Neukölln hinzu: "Wir haben verstanden in unserer Arbeit: Jeder Einzelne muss gestalten und wirken für das gemeinsame Miteinander, damit wir ein Leben haben, in dem wir uns alle wohlfühlen können."

Zum Verein Aufbruch Neukölln gehört u.a. eine türkische Vätergruppe, in der die Männer sich über Partnerschaft, Religion, Kindererziehung austauschen.

Aenne Kürschner berichtete aus Erfahrungen in Thüringen, dass z.B. Sportvereine bereits viel tun, um auf Neuzugewanderte einzugehen: "Wir müssen gucken, wo kommen wir her und was bringen die Menschen mit, die neu in Sportvereine - oder auch andere Vereine - kommen. Wie können wir aushandeln, wie wir miteinander arbeiten wollen. Die Geschwindigkeit, in der dieser Prozess geschieht, ist in den Sportvereinen generell ganz unterschiedlich, weil sie den verschiedenen Meinungen in den Vereinen Rechnung tragen muss." Manchmal sei es gewinnbringender schneller voranzuschreiten, weil man schneller einen gemeinsamen Nenner hätte. "Manchmal ist es auch wichtig langsamer vorzugehen, um richtig auf die Befürchtungen und Ängste, die da sind, einzugehen."

Aenne Kürschner leitet das Projekt "Sport zeigt Gesicht!" beim Landessportbund Thüringen, das Sportvereine zu Demokratie, Fairness und bei rechtsextremen Vorfällen unterstützt.

Zum Abschluss der Diskussion forderte Prof. Langenfeld "mehr Gelassenheit, mehr Zuversicht, mehr Optimismus" im Umgang mit der aktuellen Debatte um Flüchtlinge und unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Weitere Informationen

  • Werkstatt­gesprächs­reihe Zusammenhalt und Integration

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