Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat

Zeitungsstapel auf einem Glastisch Quelle: NPFire / shutterstock.com
Interview · 11.02.2018

Herr de Maizière, hätten Sie alle Russen von Olympia ausgeschlossen?

Ein Interview mit Bundesinnenminister Dr. Thomas de Maizière zu den Olympischen Spielen

BILD am Sonntag

Das Interview führte: Thomas Sulzer

Was sagen Sie zur Kritik von Stars wie Felix Neureuther, dass Olympia kein Flair mehr habe, es nur noch um Kommerzialisierung und Gigantismus gehe?

Kritische Stimmen gab es nach meiner Erinnerung vor fast jeder Olympiade und dann, wenn es losging, konnte der Sport doch wieder alle begeistern. Für mich ist Olympia ein faszinierendes Sporterlebnis, das nach wie vor nicht nur die Athleten sondern auch die Menschen auf der ganzen Welt verbindet. Wo sonst liegen Sieg und Niederlage, Euphorie und Enttäuschung, Wir-Gefühl und Einzel-Ehrgeiz so nah bei einander? Aber genau so gibt es Anlass für Kritik: Fehlende Nachhaltigkeit, Gigantismus, der internationale Spitzensport in der Glaubwürdigkeitskrise, Dopingskandale. Das betrübt mich zu sehen. Als Sportminister wie auch als Sportfan. Es muss unser gemeinsames Ziel sein dem Olympischen Geist wieder neues Leben einzuhauchen. Die olympische Idee ist in ihrem Ursprung so gut, dass sie jede Unterstützung verdient.

Was muss sich ändern, damit Olympia wieder glaubwürdig wird? Besteht die Gefahr, dass Olympia stirbt?

Das glaube ich nicht. Wir müssen nur die wahre Funktion der Olympischen Spiele wieder in den Fokus rücken. Wettkampf, Leistung, Respekt, Fair Play und basierend auf diesen Werten die Verständigung zwischen Menschen vollkommen unterschiedlicher Herkunft und Sprache. Die Menschen müssen wieder mitfiebern können, ohne ständig Doping- und Korruptionsskandale im Hinterkopf haben zu müssen. Sie müssen wieder überzeugt sein vom Sinn und Zweck des Spitzen- und Leistungssports. Nur so wird Olympia mit seinen Geschichten wieder uneingeschränkt begeistern können.

Sind Sie enttäuscht von Thomas Bachs Arbeit als IOC-Boss?

Thomas Bach hat als IOC-Präsident viel ins Rollen gebracht. Mit der Reformagenda 2020 hat er gute und wichtige Impulse gesetzt. Jetzt muss sich diese Initiative ebenso wie der Kampf gegen das Doping an der tatsächlichen Umsetzung und an handfesten Ergebnissen messen lassen.

Doping-Experte Sörgel kritisierte zuletzt: Das IOC ist wie VW – sie geben nur das zu, was sowieso jeder schon weiß." Hat er recht?

Doping stellt die Integrität des Sports substanziell in Frage. IOC und WADA haben systematisches russisches Doping während der Olympischen Winterspiele in Sotchi festgestellt und Konsequenzen daraus gezogen. Den von Ihnen zitierten Vergleich mache ich mir jedenfalls nicht zu Eigen.

Hätten Sie Russland nach dem Doping-Skandal vor vier Jahren ganz von Olympia ausgeschlossen?

Ich habe immer gesagt, dass ich im Kampf gegen das Doping und damit jetzt auch im Umgang mit dem russischen Sport zu Härte rate. Das gilt aber selbstverständlich immer nur unter angemessener Berücksichtigung des Einzelfalls. Die IOC-Entscheidung, das russische Nationale Olympische Komitee von den Winterspielen auszuschließen, war konsequent. Im Sinne der Einzelfallgerechtigkeit finde ich es aber auch richtig, das saubere russische Athletinnen und Athleten, die sich Dopingkontrollen unterzogen haben und deren eingelagerte Proben nachanalysiert wurden, unter neutraler Flagge in Pyeongchang an den Start gehen dürfen.

Andere Länder zahlen bei Olympia bis zu 800.000 Euro für Gold. Warum gibt es in Deutschland nur 20.000 Euro Prämie? Ski-Boss Maier forderte zuletzt bis zu einer Million?

Das ist aus meiner Sicht nicht das Entscheidende, aber ich muss trotzdem klarstellen: nicht der Staat sondern die Sporthilfe zahlt die Prämien. Viel wichtiger ist die öffentliche Akzeptanz für den Spitzensport und dass unsere Sportlerinnen und Sportler auch nach dem Ende ihrer Karriere umfassend abgesichert sind. Sie trainieren hart für den sportlichen Erfolg, Tag für Tag, und sie sind Repräsentanten unseres Landes bei internationalen Wettkämpfen auf der ganzen Welt. Um sie herum muss es ein optimales Förderkonzept geben. Auch wirtschaftlich. Gute Ansätze gibt es bereits. Und klar ist, dass da Sport und Politik zukünftig auch weiter Hand in Hand gehen müssen. Der Weg ist mit den ersten Schritten hin zu einer echten Reform der Spitzensportförderung erfolgreich bereitet. Es ist eine grundlegende Reform, die der Sport und die Politik gemeinsam beschlossen haben und die jetzt gemeinsam umgesetzt werden muss. Für unsere Spitzenathleten und für mehr deutsche Spitzenplätze.