Asiatische Spionage kostet Deutschland 20 Milliarden Euro
- Datum
- 15.10.2007
BZ am Sonntag: Wirtschaft und Verfassungsschützer klagen über Wirtschaftsspionage. Wie groß ist die Gefahr tatsächlich für Deutschland?
Dr. August Hanning: Im Ringen um Marktanteile im verschärften internationalen Wettbewerb operieren unsere Konkurrenten zunehmend mit dem Mittel der Wirtschaftsspionage. Sie ersparen sich damit eigene Forschungs- und Entwicklungskosten. Dieser Diebstahl statt Forschung senkt die Produktionskosten. Mit dem Ergebnis machen die Länder uns dann zu Dumpingpreisen Konkurrenz. Der Schaden für Exportweltmeister Deutschland wird auf über 20 Milliarden Euro im Jahr geschätzt. Das gefährdet auch unsere Arbeitsplätze.
BZ am Sonntag: Welche Branchen sind besonders betroffen?
Dr. August Hanning: Ausgespäht werden vor allem hoch innovative Unternehmen der Bereiche Rüstung, Optik, Elektronik, Luftfahrt, Verkehr, Energie, Umwelt, aber auch Automobil- und Maschinenbau.
BZ am Sonntag: Woher kommen die Wirtschaftsspione in Deutschland?
Dr. August Hanning: Besonders aktiv in der Wirtschaftsspionage sind bei uns derzeit Länder aus dem asiatischen Raum. Aber auch Industrie- und Schwellenländer aus anderen Regionen betreiben nach unseren Beobachtungen in wachsendem Umfang Wirtschaftsspionage.
BZ am Sonntag: Wie können wir uns dagegen besser schützen?
Dr. August Hanning: Die enge Abstimmung zwischen Staat und Wirtschaft bei der Bekämpfung von Wirtschaftsspionage ist ein wichtiger Wettbewerbs- und Erfolgsfaktor für den Standort Deutschland. Dabei geben wir konkrete Empfehlungen, wie Unternehmen ihre Kommunikation besser schützen können.
BZ am Sonntag: Gibt es neue Gefahren bei der Wirtschaftskriminalität?
Dr. August Hanning: Ja, aber die beobachtet die Bundesregierung sehr genau. Im letzten Jahr haben Straftaten im Bereich der Wirtschaftskriminalität in Deutschland einen Schaden von 43 Milliarden Euro verursacht. Dabei spielen Delikte im Kapitalmarkt wie Insiderhandel eine besondere Rolle. Zunehmend wird auch das Internet zum tatmittel, etwa zum Ausspähen von Passwörtern, um Konten „abzuräumen“.
BZ am Sonntag: Sind wir dagegen machtlos?
Dr. August Hanning: Nein. Das beginnt mit dem sorgfältigen Umgang mit dem Passwort. Die Bundesregierung hat eine Arbeitseinheit zur Informations- und Kommunikationstechnik im BKA eingerichtet. Das Gesetz zur Bekämpfung von Computerkriminalität stellt seit August auch das Herstellen, Verschaffen und Verbreiten von Hacker-Tools zum Knacken der Passwörter unter Strafe.
BZ am Sonntag: Der Terrorismus ist derzeit weniger in den Schlagzeilen. Kehrt etwas Ruhe ein?
Dr. August Hanning: Leider gibt es dafür keine Anzeichen. Deutschland steht weiter im Fadenkreuz des internationalen Terrorismus. Auch wenn es derzeit keine konkrete Anschlagsplanung gibt, müssen wir jeder Zeit mit Anschlägen im Bundesgebiet und gegen Deutsche im Ausland rechnen. Wir müssen alles tun, um möglichen Anschlägen zuvorzukommen, die heute mit modernsten Kommunikationsmitteln vorbereitet werden. Dazu brauchen unsere Sicherheitsbehörden alle technisch und rechtlich notwenigen Instrumente.
BZ am Sonntag: Planen Sie deshalb das neue BKA-Gesetz?
Dr. August Hanning: Ja. Darin ist auch die Befugnis zur Online-Durchsuchung zwingend erforderlich, um die Forderung des Grundgesetzes nach Gewährleistung von Sicherheit erfüllen zu können.
Das Interview führte Friedemann Weckbach-Mara.

