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INTERVIEW POLITIK UND GESELLSCHAFT Interview 26.03.2010 Unser Innenminister ganz privat

Interview mit Bundesinnenminister Dr. Thomas de Maizière und seiner Frau Martina in der Bunten am 25.03.2010
Datum
26.03.2010

Herr de Maizière, können Sie ruhig schlafen, seit Sie Innenminister sind?

Thomas de Maizière: Ja. Glücklicherweise habe ich einen guten Schlaf, im Bett, im Auto...

Martina de Maizière: ... im Kino, in der Oper...

Thomas de Maizière: ...übertreib nicht!

Zerrt das nicht an den Nerven für die Sicherheit von 82 Millionen Deutschen verantwortlich zu sein?

Thomas de Maizière: Eine Grundspannung gibt es schon. Aber ich empfinde keine große Veränderung. Schließlich hatte ich ja als Chef des Bundeskanzleramts auch Verantwortung für die Sicherheit zu tragen. Aber was das Leben verändert, ist die ständige Erreichbarkeit und Begleitung.

Sie sind jetzt prominent.

Martina de Maizière: Aber nicht so, dass du Autogramme geben musst.

Thomas de Maizière: Nicht oft. Aber ich merke vermehrt prüfende Blicke von Leuten, die sagen: "Den kenne ich irgendwo her."

In Ihrer Familie gibt es ein ausgeprägtes Bewusstsein für Namen. Früher hieß es: "Ein de Maizière tut so etwas nicht." Ist das immer noch so?

Thomas de Maizière: Ich würde es nicht am Namen allein festmachen. Wir haben einen starken Familiensinn und dies schließt ein, dass es auch so etwas wie einen gemeinsamen Code für das gibt, was man tut oder nicht tut. Für unsere Kinder ist es sicher nicht immer leicht, dass ihr Vater ein politisches Amt ausübt, denn das schließt die Möglichkeit ein, dass die Öffentlichkeit auch auf ihr Verhalten schaut. Das ist natürlich schon eine Last, die wir den Kindern mit meinen Ämtern auferlegt haben.

Wie gehen die damit um?

Martina de Maizière: Dieses plötzliche In-die-Öffentlichkeitgeschoben-Werden war schon eine Umstellung. Unsere Tochter, die ja die Älteste von den dreien ist, hat an die Brüder per E-Mail erst mal die Parole ausgegeben, ihre Einträge in sozialen Internet-Netzwerken zu überprüfen.

Müssen Politiker Moralvorbilder sein?

Martina de Maizière: Ja, das finde ich schon.

Thomas de Maizière: Sie sind Vorbilder. Ob sie es wollen oder nicht. Aber sie müssen keine Heiligen sein. Und sicher sind sie nicht unfehlbar. Im Kern muss sich jeder, der Verantwortung und ein herausgehobenes Amt hat, gut benehmen. Auf jeden Fall kann er sich weniger leisten als andere.

Ist Repräsentieren mehr Lust oder Last?

Thomas de Maizière: Inzwischen macht es mir eher Freude, beispielsweise bei Reden meine Sicht der Dinge darzulegen, meinen Stil einzubringen. Wie man als Politiker insgesamt Verantwortung lebt und für Gestaltung nutzt, hat ja etwas sehr Persönliches. Dass in der Demokratie Politik ein Gesicht haben kann und darf, das gefällt mir. Die Last besteht eher darin, dass Repräsentation sehr zeitaufwendig ist. Fahren, Festakt, fünf Redner, Musik. Dann rede ich kurz und wieder sein zweieinhalb Stunden weg.

Frau de Maizière, Sie sind Personalcoach und Supervisorin. Wie pushen Sie Ihren Mann?

Martina de Maizière: Ich bin schon sehr zufrieden.

Thomas de Maizière: Sie ist schon sehr kritisch!

Was kritisieren Sie?

Martina de Maizière: Na ja, ich sage zum Beispiel nach Interviews: "Da warst du zu hart. Versuch mal, ein bisschen freundlicher und verbindlicher zu werden." Ich denke, dass es in einer Beziehung wichtig ist, konstruktiv zu kritisieren.

Thomas de Maizière: Manchmal sagt sie zu mir, ich soll nicht so arrogant sein.

Ist das Ihr Problem?

Thomas de Maizière: Ich scheine manchmal so zu wirken, dabei ist das nur ein Ausdruck von Konzentration.

Martina de Maizière: Meinem Mann kann es durchaus schon mal passieren, dass er "überlegen" wirkt. Er kann sich unheimlich schnell Dinge merken und komplexe Sachverhalte durchdringen. Ich finde es aber wichtig, dass man sich auch in seine Mitmenschen einfühlt. Und das kann er, finde ich, sehr gut.

Werden Sie als Chef denn auch mal laut?

Thomas de Maizière: Sehr selten. Gereizt reagiere ich allerdings, wenn jemandem ein Fehler das zweite, dritte oder gar vierte Mal passiert.

Innenminister - Ihr Traumamt?

Thomas de Maizière: Es ist ein sehr schönes Amt. Ich bin zufrieden. Aber es gibt dabei wenig zu träumen.

Und Sie?

Martina de Maizière: Ja, mittlerweile auch. Aber zu Anfang war schon auch viel Sorge da: Was heißt das für uns? Unser Leben wird öffentlich. Wir können nicht mal mehr allein am Sonntag Rad fahren.

Thomas de Maizière: Man muss in der Politik Gelassenheit haben. Man sollte lange Linien ziehen, etwas für die große Zukunft machen. Dabei darf man nicht vergessen, dass man aber eben nur ein Mandat auf Zeit hat. Das muss eine Familie erst mal mitmachen, innerlich. Denn in Vierjahresrhythmen muss man mit allem rechnen: Umzug, andere Lebensumstände, anderes Einkommen.

Deformiert die Macht Ihren Mann?

Martina de Maizière: Nein. Da habe ich auch nie Sorge gehabt. Wir achten beispielsweise darauf, dass wir unsere Alltagskompetenzen nicht verlieren.

Wie meinen Sie das?

Martina de Maizière: Es gibt schon Privilegien, die uns gemeinsam betreffen. Wenn wir zum Beispiel ins Konzert gehen, sitzen wir in der ersten Reihe.

Thomas de Maizière: Wobei ich als Musikliebhaber allerdings sagen muss: In der zehnten Reihe hört man ein Sinfoniekonzert meist viel besser. Da "dürfen" wir aber nun nicht mehr sitzen.

Hat das Amt Sie ernster gemacht?

Stress und Druck verändern einen natürlich, ja. Aber ich laufe nicht mit Sorgenfalten herum und denke bei jedem Handyklingeln an etwas Ernstes.

Wann erlebt man Sie ausgelassen?

Martina de Maizière: An seinem Geburtstag zum Beispiel. Da haben wir mit Freunden einen Spieleabend gemacht. "Mensch, ärgere dich nicht", sein Lieblingsspiel "Hase und Igel" und "Scharade". Da muss man in der Gruppe Begriffe vorspielen und erraten - ich eine Ministergattin. Wir haben uns kaputtgelacht, mein Mann vorneweg.

Wie organisieren Sie ihr Leben zwischen Dresden und Berlin?

Martina de Maizière: Am Wochenende ist mein Mann meist zu Hause, wir gehen gemeinsam einkaufen und er kocht lecker: Lasagne, Steaks, Spaghetti Bolognese, gefüllte Pfannkuchen.

Thomas de Maizière: Wir können uns mächtig streiten, wenn es um Terminabsprachen geht. Denn wenn gerade mal privat etwas wichtig ist, ist garantiert auch dienstlich was wichtig. Besonders schön ist der Sonntagabend. Da setzen wir uns in die Ecke, trinken Tee oder Wein. Das ist ein schönes Ritual.

Martina de Maizière: Was aber nicht die Tatsache mindert, dass wir uns selten sehen! Alle zwei, drei Wochen bin ich beruflich in Berlin, dann verbringen wir den Abend zusammen. Wenn unser Jüngster nächstes Jahr aus dem Haus ist, werde ich öfter hier sein.

Sie wirken sehr harmonisch - und feiern dieses Jahr silberne Hochzeit. Wie haben Sie sich eigentlich kennengelernt?

Martina de Maizière: Wir waren beide neu in Berlin und Freunde luden uns zum Essen ein. Da stellte sich heraus, dass wir nur zwei Hausnummern voneinander entfernt wohnten. Es hat dann aber doch noch einige Monate gedauert. Er hat heftig um mich geworben, bis es auch bei mir gefunkt hat.

Wie hat er Sie überzeugt?

Martina de Maizière: Er hat mir Rosen geschenkt und einen wunderschönen Liebesbrief geschrieben. Plötzlich merkte ich, was los ist - auch bei mir selbst. Wir waren zumindest im Politischen recht verschieden. Mein Mann war auch damals ziemlich konservativ und ich eine durchaus feministisch angehauchte Sozialarbeiterin aus dem Wedding, die mit ihrer Meinung auch nicht zurückgehalten hat.

Und dann hat er Sie konservativ auf Linie gebracht.

Na, sagen wir mal, heimgeholt. Ich stamme aus einem gutbürgerlichen Elternhaus. Aber wir diskutieren bis heute viel und das ist eine Bereicherung.