Navigation und Service

Logo: Bundesministerium des Innern (Link zur Startseite)

Meldungen

Hier finden Sie die Meldungen aus dem Bereich des Bevölkerungs- und Katastrophenschutzes.

Bevölkerungsschutz Interview 22.01.2010 "Die Einsatzbereitschaft ist groß"

Interview mit dem Präsidenten des THW, Albrecht Broemme, anlässlich der Hilfseinsätze des THW auf Haiti
Datum
22.01.2010

Herr Broemme, 20 THW-Helfer sind derzeit auf Haiti im Einsatz und versorgen die Menschen dort mit Trinkwasser, koordinieren die Hilfe anderer NGO´s und unterstützen die deutsche Botschaft. Welche Eindrücke schildern Ihnen die Kräfte vor Ort von den Zuständen auf Haiti und was bedeutet dies für ihre Arbeit? 

Ich habe mich vor zwei Tagen lange mit dem Einsatzleiter unseres Teams unterhalten, der gerade von einer Erkundungsfahrt in die Umgebung der Hauptstadt Port-au-Prince zurückgekommen war. Und er, der auch nach dem Tsunami in Südostasien im Einsatz war und schon viel Trostloses gesehen hat, sagt, dass die Eindrücke aus Haiti alles bisher Erlebte in den Schatten stellen. Es fängt damit an, dass große Teile der Hauptstadt und auch der Umgebung zu 90 % zerstört sind. Es sieht ähnlich wie nach einem Krieg aus. In den Slums sind oft ganze Hänge abgerutscht und haben die Hütten darauf mitgerissen. Das heißt auch, dass viele Menschen unter den Schlammmassen begraben wurden.

Der Einsatzleiter unseres Teams hat aber auch geschildert, dass die herumliegenden Leichen, um die sich niemand kümmert, allenfalls angesteckt werden und dann halb verbrannt liegen bleiben. Dies ist ein großes Problem, das von anderen Stellen dringend gelöst werden muss, weil sich sonst Seuchen ausbreiten können.

Alle Menschen vor Ort – insbesondere Kinder – nehmen furchtbare Eindrücke mit in ihre Zukunft.

Das Leben – was positiv ist – fängt aber wieder an zu pulsieren. Es gibt schon wieder die ersten Märkte, auf denen Lebensmittel verkauft werden. Eine große Hungersnot ist daher eher nicht zu erwarten. Trinkwasser ist aber immer noch knapp und wird zum Teil auch teuer verkauft – nicht unbedingt in bester Qualität. 

Die Helfer des THW – das gilt auch für andere Organisationen – sind diesen besonderen Belastungen ausgesetzt. Es kommen schwierige klimatische Bedingungen hinzu und die Tatsache, dass man nachts aus verschiedenen Gründen nicht unterwegs ist und nicht arbeitet.

Derartige Bedingungen hat man zuvor noch nirgendwo angetroffen. Das hat übrigens zur Folge, dass für die aus dem Krisengebiet Zurückkehrenden Nachsorgemaßnahmen organisiert wurden, um psychischen Folgebelastungen vorzubeugen. 

Es hat ein paar Tage gedauert, bis die deutschen Hilfsaktionen im Katastrophengebiet angelaufen sind. Warum war man nicht schneller vor Ort? 

Die ersten vier Leute wurden schnellstmöglich auf den Weg gebracht – nämlich noch am gleichen Tag der Anforderung. Innerhalb von 24 Stunden nach dem Erdbeben sind die ersten vier Helfer des THW gestartet. Sie konnten mit einer Air Berlin Maschine mitreisen – über Chicago, Miami und von dort aus dann nach Port-au-Prince. Das war wirklich schwierig, weil der Flughafen auch auf Grund von Beschädigung geschlossen war. Der Flughafen wurde inzwischen von den Amerikanern übernommen, die einen Tower mitgebracht haben.

Die Hilfe lief so schnell, wie es unter diesen Umständen möglich war, an. Man muss die Entfernung berücksichtigen und die Tatsache, dass der Flughafen geschlossen war. Wir mussten im Nachbarland Dominikanische Republik landen und den Landweg nach Port-au-Prince nehmen, der zwar normalerweise nur vier Stunden dauert, aber auf Grund des starken Verkehrs und der schlechten Straßenverhältnisse bestimmt zehn Stunden in Anspruch nahm. Das heißt, wenn man schnell ist, ist man unter diesen Bedingungen eben doch mindestens zwei Tage, eher drei Tage unterwegs. Dies ist natürlich für die Menschen, die auf Hilfe warten, eine sehr lange Zeit, aber aus Sicht der Organisation, die das organisieren muss, konnte es gar nicht schneller gehen. 

Werden künftig weitere Helfer in das Erdbebengebiet geschickt oder ist ein Personalaustausch geplant? Bestehen Überlegungen für das Angebot weiterer Einsatzoptionen? Wird das THW nach dem Abschluss der humanitären Hilfe auch den Wiederaufbau auf Haiti unterstützen? 

Was zurzeit feststeht ist, dass nach etwa drei Wochen die Helfer, die jetzt dort sind, abgelöst werden müssen.

Wir planen ferner, dass gegebenenfalls noch eine weitere Trinkwasseraufbereitungsanlage nach Haiti gebracht wird. Das würde voraussetzen, dass inzwischen von anderen – auch internationalen – Organisationen nicht genug Trinkwasseranlagen vor Ort sind oder dort erwartet werden. So etwas wird immer auch international abgestimmt. Wir können uns gut vorstellen, dass – ähnlich wie nach dem Tsunami in Südostasien – das THW aber auch in mittel- und längerfristige Wiederaufbauprojekte eingebunden wird. Das geht von Wasser- über Stromversorgung, das kann aber auch Brückenbau sein. Verschiedene Einsatzmöglichkeiten sind denkbar. Hier laufen Gespräche im Krisenstab des Auswärtigen Amts. Die zuständigen Ministerien – das sind das Entwicklungshilfeministerium, das Auswärtige Amt und natürlich das Bundesinnenministerium - beraten, was hier sinnvollerweise getan werden könnte. 

Die Einsatzbereitschaft im hauptamtlichen Teil des THW ist groß. Es ist schlicht eine Herausforderung, der wir uns mit viel Fleiß und Hingabe widmen. Auf der anderen Seite muss das alles natürlich auch finanziert werden. Und zukünftige Maßnahmen müssen, damit sie sinnvoll sind, auch in einem Gesamtkonzept passen, das auch in und für Haiti aktuell mit anderen abgestimmt werden muss. 

Fazit: Ich rechne mit einem längeren THW-Einsatz – sicherlich nicht mit hunderten von Leuten, aber mit einem Personaleinsatz, der durchaus mindestens für dieses Jahr zwischen zwei und drei Dutzend Helferinnen und Helfer einbeziehen wird.

(Die Fragen stellte Maren Göre.)